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Baden-Württemberg

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Schüler richten offenen Brief an Kultusministerin: "Absage der Abiturprüfungen in Erwägung ziehen"

Verunsicherung durch steigende Infektionszahlen, Belastung und organisatorische Probleme - Die "Liberalen Schüler Baden-Württemberg" richten sich mit ihrem offenen Brief an Kultusministerin Dr. Eisenmann und fordern angesichts der Corona-Krise die Berücksichtung einer ersatzlosen Absage der Prüfungen.

Die Verfasser sehen sich in der Pflicht, mit ihrem offenen Brief Standpunkte weiterzutragen und auf verschiedene Problematiken – die in Zusammenhang mit Covid-19 die Abiturprüfungen erschweren könnten – aufmerksam zu machen. Dabei ginge es ihnen um faire und angemessene Bedingungen und nicht darum, sich das Abitur zu erschleichen.

Als Mitglieder einer politische Jugendorganisation möchten sie für die Interessen und Anliegen der Schülerinnen und Schüler des Landes eintreten und gleichzeitig eine Berücksichtigung erreichen. Im Brief wird auf verschiedene Problematiken hingewiesen und die Unsicherheit der aktuellen Lage betont. Diese lasse eine planmäßige Durchführung des Abiturs nicht zu. Das Stattfinden der aktuellen Ersatztermine sowie die geplante Wiederaufnahme des Schulbetriebs seien eher unwahrscheinlich. Eine erneute Verschiebung halten sie für nicht zumutbar. Ferner weisen sie auf familiäre und finanzielle Nöte hin. In ihrem Brief erklären die Prüflinge außerdem, dass sie sich selbst und andere vor zusätzlicher Gefahr schützen wollen.

Von Ministerin Eisenmann gab es bisher noch keine Stellungnahme. 

Lesen Sie hier den vollständigen Brief:

3. April 2020

Abiturprüfungen in der SARS-CoV-2 Pandemie

-Offener Brief-

Sehr geehrte Frau Ministerin, seit etwas mehr als drei Wochen sind die Schulen in Baden-Württemberg geschlossen. Die Covid-19 Pandemie und die außergewöhnlichen Umstände haben uns alle überrascht und getroffen. In diesen schwierigen Zeiten belastet uns auch die Ungewissheit über den weiteren Verlauf des Schuljahres und das Stattfinden der diesjährigen Abiturprüfungen. Wir haben im vergangenen Jahr erlebt, wie Schülerinnen und Schüler freitags für ihre Anliegen demonstriert haben und mit einem offenen Ohr empfangen wurden. Wir wünschen uns, dass Sie sich unsere Anliegen genauso zu Herzen nehmen.

Stand jetzt wurden nach Anweisung Ihres Ministeriums die Abiturprüfungen auf einen Zeitraum Ende Mai verlegt. Dafür möchten wir uns bedanken. Jedoch verlieren wir die aktuellen Entwicklungen zur Ausbreitung von Covid-19 nicht aus den Augen. Die steigenden Infektions- und Todeszahlen bereiten uns Sorge.

Die Bilder aus den Krankenhäusern in Italien oder den Vereinigten Staaten haben uns vor Augen geführt, wie bedrohlich dieses Virus ist.

In Anbetracht dessen, dass die Bundesregierung die Ausgangsbeschränkungen nun bis zum Schluss der Osterferien aufrechterhält, ist uns spätestens da der Ernst der Lage bewusst geworden. Aus diesen Gründen scheint, sowohl medizinisch als auch emotional, ein planmäßiges Wiederaufnehmen des Schulbetriebs am 20. April 2020 für uns sehr unwahrscheinlich. Sollten die Schulen tatsächlich über die Ferien hinausgeschlossen bleiben, ist ein faires, sicheres und vor allem belastbares Prüfen der Abiturienten aus unserer Sicht nicht mehr möglich.

Wir möchten Sie deshalb bitten, eine ersatzlose Absage der Abiturprüfungen in Erwägung zu ziehen, sollte der Schulbetrieb am 20. April nicht wieder aufgenommen werden können.

Uns ist bewusst, dass ein solches Szenario in den letzten Jahrzehnten nicht aufgetreten ist. Uns ist auch klar, dass diese Entscheidung unwiderrufliche Konsequenzen für alle Abiturientinnen und Abiturienten dieses Jahrganges haben wird. Deshalb möchten wir im Folgenden ausführen, wie wir zu dieser Einschätzung gelangt sind.

Zu allererst ergibt sich aus unserer Sicht ein organisatorisches Problem. Uns ist bewusst, dass keine verlässlichen Vorhersagen zum Verlauf der Pandemie möglich sind, jedoch scheint es zum jetzigen Zeitpunkt äußerst unwahrscheinlich, dass sich die Infektionszahlen abmildern. Wir halten es für fraglich, dass der Höhepunkt der Infektionszahlen noch im April erreicht wird – dabei orientieren wir uns an den aktuellen Einschätzungen des Robert-Koch-Instituts.

Unter der Annahme, dass sich die Ausbreitung des Virus bis Mitte April nicht signifikant verlangsamt, müssten Schulen weitere Wochen geschlossen bleiben. Geht man davon aus, dass die Ausgangsbeschränkungen ähnlich lange gelten wie in China, müssten wir Schüler insgesamt um die drei Monate zu Hause bleiben – somit würden die Schulen erst Anfang Juni wieder aufmachen können. Selbst wenn man optimistisch davon ausgeht, dass uns die Eindämmung des Virus schneller gelingt, scheint eine weitere Verzögerung um mindestens zwei bis drei Wochen nicht ausgeschlossen. Somit müssten sämtliche Prüfungen nochmals verschoben werden; dies könnte Prüflinge verunsichern, Lehrkräften würde die Zeit zur Prüfungsvorbereitung knapp werden.

Sollte die Schulschließung tatsächlich bis Juni anhalten, blieben noch zwei Monate um sämtliche Leistungsnachweise – auch neben den Abiturprüfungen – nachzuholen. Davon müssten zwei Wochen Pfingstferien nochmals abgezogen werden. Das wäre nicht nur eine zeitliche Herausforderung, sondern ein enormer Lernaufwand für Schülerinnen und Schüler in kürzester Zeit. Lehrerinnen und Lehrern blieben nicht mehr viel Zeit zur Korrektur. Auch, wenn Sie bereits erklärt haben, dass die Mindestanzahl an schriftlichen Leistungsnachweisen unterschritten werden kann, sind gewiss nicht alle Schulleitungen diesem Rat gefolgt – manche haben jetzt schon neue Klausurenpläne erstellt.

Ein solcher Lernaufwand ist in kürzester Zeit aus unserer Sicht pädagogisch nicht verantwortbar.

Die psychische Belastung der Schülerinnen und Schüler sind sicherlich schwierig allgemeingültig zu quantifizieren. Jedoch können wir diesen Betrachtungspunkt nicht außer Acht lassen.

Die Covid-19 Pandemie ist schlicht und ergreifend eine Ausnahmesituation, die viele von uns beängstigt oder verunsichert. Da kann es durchaus schwerfallen, sich nebenher auf das Abitur vorzubereiten – was auch ohne Pandemie eine Herausforderung darstellt.

Die Tatsache, dass unsere Bewegungsfreiheit dermaßen eingeschränkt werden muss, spricht für den Ernst der Lage. Wir haben Angst, uns zu infizieren, besonders, wenn man zu Risikogruppen gehört. Wir haben Angst um unsere Familien, wenn das Einkommen knapp wird oder die Eltern in Kurzarbeit geraten. Wir haben Angst um unsere berufliche Zukunft, wenn unsere Wirtschaft in eine tiefe Rezession gerät. Wir haben Angst um unsere Liebsten, zum Beispiel die Großeltern. Das Gebot, soziale Kontakte zu vermeiden, ist nicht für jedermann leicht zu verarbeiten. Im schlimmsten Fall ist jemand aus dem Bekanntenkreis oder der Familie an Covid-19 verstorben. Doch selbst, wenn alle zuhause und gesund sind, kann sich die Vorbereitung als schwierig gestalten. Wenn die Eltern im Homeoffice arbeiten, müssen einige von uns auf die jüngeren Geschwister aufpassen. Oder es steht nur ein Computer im Haushalt zur Verfügung, der dann mit den arbeitenden Eltern oder den ebenfalls lernenden Geschwistern geteilt werden muss. Besonders in einkommensschwachen Familien gestaltet sich der Zugang zu digitalen Medien als schwierig. In prekären sozialen Verhältnissen fehlt die Möglichkeit, durch die Schule das Haus zu verlassen. Wenn es in Familien öfter zu Streitereien kommt, kann das mit allen vorherig genannten Faktoren zusammen eine Situation herbeiführen, die eine konzentrierte Prüfungsvorbereitung unmöglich macht.

Zuletzt haben wir uns vor Augen geführt, wie eine Abiturprüfung aussehen könnte, selbst wenn das Virus erfolgreich eingedämmt wird. Zum einen werden einige Prüflinge mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen. Zum anderen werden im Laufe der Prüfung dieselben Türgriffe und Toiletten benutzt. Räume sind erfahrungsgemäß nicht ausreichend gelüftet. Selbst wenn man die Prüflinge auf mehrere Räume mit Mindestabstand verteilt, empfinden wir dabei eine große Verunsicherung, wenn man sich den sprunghaften Anstieg der Infektionszahlen in den USA anschaut und daraus folgt, wie ansteckend und leicht übertragbar das Virus ist. Unserer Meinung nach können Schulen erst wieder geöffnet werden, wenn diese Begegnungen im Schulalltag ohne medizinisches Risiko verlaufen können. Andernfalls setzen wir uns selbst, unser Umfeld und schlussendlich diejenigen unnötig in Gefahr, die aktuell für uns Leib und Seele geben, sei es medizinisches Personal, Postboten oder Mitarbeiter in einem Supermarkt.

Letztlich möchten wir betonen, dass das Abitur nicht unantastbar sein kann. Wir haben das Glück, ausreichend Leistungsnachweise in drei Halbjahren erbracht zu haben, dass sich eine Abschlussnote berechnen ließe. Für einige, wenige Prüfungen möchten wir nicht dafür sorgen, dass sich das Virus doch wieder ausbreitet. Die Dynamik und Unvorhersehbarkeit der Pandemie lässt keine sicheren Prognosen zu. Prüfungen noch ein- oder zweimal zu verschieben verursacht aus unserer Sicht unnötig große Schwierigkeiten und langanhaltende Unsicherheiten.

Deshalb möchten wir Sie aufrichtig bitten, eine ersatzlose Streichung aller Prüfungen in Erwägung zu ziehen, sollten wir am 20. April 2020 nicht risikofrei wieder die Schule besuchen können.

Es geht uns nicht darum, unser Abitur zu erschleichen. Wir möchten mit diesem Brief einen Beitrag dazu leisten, dass das Schuljahr unter fairen und angemessenen Bedingungen vonstatten geht. Benötigen Ausnahmesituationen nicht auch außergewöhnliche Maßnahmen?

Wir möchten Ihnen für Ihr offenes Ohr danken. Wir wünschen in dieser Zeit alles Gute, viel Kraft und viel Gesundheit.

Mit freundlichen Grüßen

Linus Molin Luca Winterstein Lionel Chambon Landesvorsitzender Max Appel Franz Kroh

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(Zuletzt geändert: Freitag, 03.04.20 - 14:09 Uhr   -   2583 mal angesehen)

Nachrichten aus Bundesland und Landeshauptstadt

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Foto: RTF.1
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